Die Welt
Im ersten Band der OPUS-Reihe haben wir es mit einem gewöhnlichen, städtischen Setting zu tun. Mila (Ludmilla) wohnt in einer “hässlichen Neubausiedlung”, geht in die Oberstufe und hat einen Aushilfsjob in einem in die Jahre gekommenen Filmpalast. Es ist Mitte September.
Erster Abschnitt
Das graue Muster der Fliesen verschwimmt vor seinen Augen, doch er beißt die Zähne zusammen und schleppt sich weiter.
Einatmen. Ausatmen. Nicht denken, nur atmen.
Keuchend erreicht er das Waschbecken und stützt die Hände auf das kalte Porzellan.
Die Story
Milas Leben hätte besser verlaufen können. Vor einigen Jahren starb ihr Vater und ihr großer Traum, Malerin zu werden, zerplatzte, als sie sich bei einem Unfall die Hand brach. Und als wäre das Alles nicht schon genug, hat sie ihren Bruder seit diesem Zwischenfall kaum noch gesehen.
Dennoch lebt Mila ein recht gewöhnliches Leben. Sie geht zur Schule, albert mit ihrer Freundin Marie herum und hat einen Aushilfsjob in einem Retro-Kino.
Eines Abends, auf dem Weg zur Arbeit, begegnet sie Abel, der auf der Straße vor ihr zusammenbricht – doch obwohl sie ihm helfen will, ist er alles andere als nett zu ihr. Seine Art bringt Mila beinahe zur Weißglut, aber etwas an diesem seltsamen Mann lässt sie nicht mehr los. Seine Augen – es ist, als hätte sie sie schon mal irgendwo gesehen.
Seit dieser ersten Begegnung laufen sich die beiden ständig über den Weg und irgendetwas an diesem geheimnisvollen Mann fasziniert Mila ungemein. Doch obwohl es hin und wieder so scheint, als hätte auch Abel Interesse an Mila, stößt er sie immer wieder von sich.
Je öfter Mila Abel begegnet, umso mehr wird ihr klar, dass er irgendetwas verbirgt. Sie kommt einfach nicht hinter sein Geheimnis aber was auch immer es ist – es scheint der Grund dafür zu sein, warum er sie auf Teufel komm raus nicht an sich heranlassen will.
Dank ihrer Hartnäckigkeit baut sich dennoch Stück für Stück das Puzzle zusammen. Doch erst, als das letzte Puzzlestück gefunden ist, erkennt sie wirklich, was in dieser Welt vor sich geht.
Auszug
Meine einzige Erfahrung in dem Bereich beschränkt sich auf den Abend der Geburtstagsfeier meines Bruders Leo. Nach vier Gläsern Erdbeerbowle lag ich plötzlich Joshua, einem Schulfreund, im Arm, aber nicht mal da hat es irgendwie gefunkt. Oder gekribbelt. Oder wenigstens gezuckt. Und weil der Kuss irgendwo zwischen “Schneckenrennen” und “Waschmaschine” rangiert hat, hat er nicht unbedingt Lust auf mehr gemacht. Im Gegenteil, mir ist die Aktion immer noch unglaublich peinlich.
Nicht nur dieser Absatz hat mich während des Lesens von OPUS zum Schmunzeln gebracht. Senta Richter besitzt die Fähigkeit, ihren Lesern immer wieder mit Formulierungen wie diesen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern.
Sauer auf mich selbst stapfe ich weiter geradeaus, bis mir etwas, wie eine winzige Veränderung in der Luft, das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der Wind scheint für eine Sekunde sein wütendes Heulen einzustellen, und an den Baumkronen erstarren die septemberbunten Blätter. Wie versteinert bleiben meine Sohlen am rissigen Asphalt kleben.
“Ludmilla.”
Liud-Miela.
Ich beiße mir auf die Lippe und spanne die Schultern an. Nein, ich habe mich getäuscht. Ich muss mich getäuscht haben.
Langsam drehe ich mich um – und schnappe nach Luft.
Dieser Abschnitt zeigt wiederum, dass Senta Richter auch anders kann. Mit nur wenigen Worten baut sie Spannung auf und zieht den Leser tief in die Geschichte hinein. Dabei nutzt sie wie beiläufig malerische Formulierungen, die das Leseerlebnis noch schöner gestalten.
Erzählperspektive
Mila ist die Ich-Erzählerin der Geschichte, wodurch man sich noch schneller und leichter in die sympathische Protagonistin hineinversetzen kann.
Einige Kapitel sind dennoch aus der Er/Sie-Perspektive verfasst. Hier geschehen Dinge, von denen Mila nichts ahnt und der Leser erfährt genau so viel über die Ereignisse, wie die Autorin zulässt.
Der Perspektivenwechsel wirkt dabei alles andere als störend. Vielmehr bietet er Abwechslung, da man die Geschichte nicht ausschließlich aus Milas Sicht erlebt und man erfährt so einiges, von dem Mila noch nichts weiß.
Fazit
Mir hat OPUS aus verschiedenen Gründern äußerst gut gefallen und ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll.
Ich denke, was ich als ersten nennen will, ist der Schreibstil von Senta Richter. Mir gefällt es immer sehr, wenn keine ausschweifenden Beschreibungen das Drumherum erläutern. Und obwohl Senta Richter sich in dieser Hinsicht wirklich knapp hält, sind ihre beschreibenden Wörter so gut gewählt, dass es nicht mehr als ein paar wenige benötigt, um genau zu wissen, was um Mila herum geschieht. Dabei verwendet sie Formulierungen wie “Mein Atem geht viel zu schnell und schlägt hektische Wölkchen in die Luft” oder “Unsichtbare Regentropfen sprühen auf mein Gesicht und laufen in meinen Jackenkragen” und “Die Sonne flimmerte ins Zimmer und ließ den Staub wie Diamanten glitzern”.
Auch die Charaktere, haben mir von Anfang an gut gefallen. Mila ist sehr sympathisch und ein Charakter, in den man sich sofort hineinversetzen kann. Abel wirkt vom ersten Moment an äußerst geheimnisvoll und trotz seiner ablehnenden Haltung, kann man verstehen, wieso Mila sich für ihn interessiert. Auch die wichtigen Nebencharaktere sind gut ausgearbeitet und wirken sehr lebendig.
Während des Lesens habe ich immer wieder versucht, eine Erklärung für Abels Verhalten zu finden. Was am Ende tatsächlich der Grund dafür war, kam mir allerdings nicht in den Sinn. Im Laufe der Geschichte kommen immer mehr Infos und Details ans Licht, doch man kommt einfach nicht dahinter. Senta Richter ist es dabei unglaublich gut gelungen, nicht nur Spannung aufzubauen, sondern diese auch immer weiter zu steigern, bis sie am Ende förmlich zu explodieren scheint.
Toller Spannungsaufbau – fieser Cliffhanger.
Die Rezension hat euch neugierig gemacht? Dann holt euch gleich hier das Buch! 🙂
