Wie eine Geschichte sich selbst schreibt
Jill Noll Autorin: Hilfe! Meine Geschichte hat ein Eigenleben! (Bild-Quelle: Jill Noll)

#8 Hilfe! Meine Geschichte hat ein Eigenleben!

In meinem letzten Beitrag habe ich euch davon berichtet, wie ich meinen Charakteren mehr Persönlichkeit und somit endlich Leben einhauchen konnte. Heute möchte ich euch erzählen, was der Nachteil daran ist, wenn die Charaktere erst einmal zum Leben erweckt wurden: sie tun was sie wollen ?.

 

Ich kannte meine Charaktere nun besser als meine Westentasche. Ich wusste, wo die Geschichte hingehen sollte und was auf dem Weg dorthin alles passieren würde. Also setzte ich mich hin und schrieb, und schrieb, und schrieb, und alles lief nach Plan.

Doch wie kleine Kinder, die gerade zu laufen gelernt hatten, wollten nun auch meine Charaktere auf eigene Faust die Welt erkunden. Ihnen war egal, welchen Plan ich für sie hatte, sie taten einfach, was sie wollten. Einmal zum Leben erweckt hatten sie nicht nur endlich eine Persönlichkeit, sie entwickelten auch ihren eigenen Willen und einen ordentlichen Dickschädel ?.

Und so wie meine Charaktere auf einmal ein Eigenleben entwickelten, entwickelte auch die Geschichte selbst ein Eigenleben. Doch obwohl ich in solchen Momenten nicht wusste, wie es weiter gehen, und wohin mich das ganze bringen würde, schrieb ich weiter. Denn das, was auf dem Monitor vor mir passierte, die Szenen die sich vor mir auftaten, waren spannend und ich wollte unbedingt wissen, wie es weiter geht. ?

Schon im ersten Kapitel von meinem Buch sollte ein Charakter, der Kollege der Protagonistin, eigentlich nur kurz eine Rolle spielen. Doch er entschied sich, noch eine Weile länger im Geschehen zu bleiben, als ich es für ihn vorgesehen hatte. Sein Dickschädel führte dazu, dass er sich gemeinsam mit den anderen in Gefahren stürzte, denen er eigentlich hätte entgehen können. So wurde ihm schließlich eine richtig aufregende Szene zu Teil, die ich so nicht hätte schreiben können, wenn er nicht dabei gewesen wäre. Seine Mutter hätte vermutlich gesagt „Wärst du doch nur zu Hause geblieben, Junge!“, ich sage: „Danke für diese tolle Szene!“ ?

 

TIPP: Wenn eure Geschichte ein Eigenleben entwickelt, lasst es zu und schaut, wo es euch hinführt. Vielleicht bringen diese unerwarteten Szenen einen Mehrwert für das gesamte Buch!

 

Vor einem Jahr hätte ich selbst nicht geglaubt, dass Bücher beim Schreiben ein Eigenleben entwickelt können. Doch ich wurde eines Besseren belehrt.

Klingt komisch, ist aber so! Meine Geschichte schrieb sich auf einmal von allein. Klar, ich hätte etwas dagegen tun können, ich hätte es unterbinden können und die Geschichte wieder zurück in die Linie zwängen können, die ich für sie vorgesehen hatte. Doch ich ließ es zu und schaute einfach mal, was passierte.

Und es gefiel mir. Denn immerhin passierte all das, weil es der Natur meiner Charaktere entsprach, so zu handeln, wie sie es taten. Spätestens jetzt erwachten sie also zum Leben und agierten, ohne dass ich darüber nachdenken musste.

Zu meinem Glück ließ sich das, was diese Dickköpfe für spontane, gute Ideen hielten, immer gut in meine geplante Geschichte einbinden, ohne dass ich von der eigentlichen Handlung abweichen musste.

 

TIPP: Wenn ihr das Zepter aus der Hand gebt und es euren Charakteren überreicht, achtet unbedingt darauf, dass ihr immer zu eurem roten Faden zurückfinden könnt.

 

Vertraut auf das, was eure Charaktere tun. Passt aber immer auf, dass sie euch nicht zu sehr vom Weg abbringen. Wenn doch, dann gibt es zwei Möglichkeiten, wie ihr handeln könntet:

  1. Plant den Rest eurer Geschichte um, so dass noch immer alles einen Sinn ergibt.
  2. Löscht die ungeplanten Szenen, die euch vom Weg abgebracht haben, und versucht es erneut.

Ihr seht, dass beide Möglichkeiten einen gewaltigen, zusätzlichen Aufwand mit sich bringen, aber vielleicht lohnt es sich dennoch. Vielleicht erhält eure Geschichte zusätzliche Spannung, Dramatik und Lesevergnügen, wenn ihr die Geschichte umplant.

Und auch, wenn ihr euch entscheidet, die ungeplante Szene wieder zu löschen, dann speichert sie unbedingt separat irgendwo ab. Möglicherweise könnte diese Szene der Auftakt für ein neues Buch sein, oder wenigstens Verwendung in einer anderen Geschichte finden.

 

TIPP: Sollte sich ein ungeplantes Abenteuer eurer Charaktere am Ende doch nicht richtig in die Geschichte einfügen, dann löscht es nicht einfach. Speichert es in einem Ideen-Dokument und greift für eine andere Geschichte darauf zurück.

 

Doch beim Schreiben meines Buchs ging es irgendwann noch skurriler und unvorhergesehener zu, als zuvor.
Daran, dass meine Charaktere manchmal einfach taten, was sie wollten, hatte ich mich ja schon gewöhnt. Dass jedoch auf einmal völlig neue Charaktere vor mir standen und darauf warteten, dass ich irgendetwas mit ihnen anstellte, überraschte mich dann doch noch einmal sehr.

Aber auch diesen neuen, und mir völlig fremden Charakteren, habe ich eine Chance gegeben. Meist reichte schon ein kurzes Brainstorming und ich hatte etwas für sie gefunden, was auch der Geschichte einen Mehrwert brachte – bei einigen von ihnen wird es erst in Band 2 wirklich ersichtlich werden, aber jeder von ihnen hat eine Aufgabe.

 

TIPP: Ein Charakter, der längerfristig in eurem Buch auftaucht, sollte stets einen Mehrwert für die Geschichte bringen. Macht euch Gedanken zu seiner Motivation und dem, was er beisteuern kann.

 

In solchen Momenten wird der Autor zum Leser. Dann macht das Schreiben des eigenen Buchs nicht nur Spaß, es wird auch noch richtig spannend. ?
In meinem Fall hat die Tatsache, dass ich manchmal das Zepter einfach aus der Hand gegeben habe, meinem Buch auch noch zu zusätzlichen Wendungen und neuen Ideen verholfen.

Wie ist es bei euch? Habt ihr schon einmal erlebt, dass eure Geschichte ganz anders verlief, als ihr es wolltet? Und wie habt ihr darauf reagiert?

Ich selbst war immer und immer mehr begeistert von dem, was ich da zu Papier brachte und fing langsam an mir Gedanken darüber zu machen, ob und wie ich mein Buch veröffentlichen könnte.
Wie das Schicksal es so wollte, traf ich kurz darauf auf eine Frau, die ebenfalls ein Buch geschrieben und es veröffentlicht hatte. Sie konnte mir bereits einige Infos geben, die für mich unglaublich hilfreich waren, und davon möchte ich euch in meinem nächsten Beitrag berichten.

Blogpost Ende und bis bald! ✌

 

Gefällt Dir mein Blogpost?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.