Charakterlose Charaktere
Jill Noll Autorin: 3 Tipps gegen charakterlose Charaktere (Bild-Quelle: Jill Noll)

#7 – 3 Tipps gegen charakterlose Charaktere

In meinem letzten Blogpost habe ich euch erzählt, dass mir mein digitales Dokumenten-Chaos ziemlich schnell auf die Nerven ging, ich aber eine Lösung für dieses Problem finden konnte.
Wenn man ein Buch schreibt – und gerade wenn man sein erstes Buch schreibt – steht man allerdings immer wieder vor deutlich schwerer lösbaren Problemen. Charakterlose Charaktere sind wohl eines der schwerwiegendsten Probleme. Wie man an dieses Problem herangehen kann, möchte ich euch in diesem Artikel näher bringen.

 

Alles begann mit einer äußerst wichtigen Anmerkung meiner Testleserin Nicole, nachdem sie das zweite Kapitel meines Buchs „Zwischenwelt“ gegengelesen hatte. Sie sagte, meine Charaktere wären allesamt Einheitsbrei ?.

Diese Aussage überrumpelte mich sehr. Denn in meinem Kopf hatten alle meine Charaktere eine ganz eigene Persönlichkeit, die sie deutlich voneinander unterschied.

  • Der Protagonist, ein gutaussehender Mann, der zurückgezogen lebt. Nur in seinem Job bei einer Spezialeinheit der Polizei, die er selbst ins Leben gerufen hat, findet er Erfüllung. Doch insgeheim ist auf der Suche nach Nähe.
  • Die Protagonistin, eine lebensfrohe, junge Frau, die die Welt erforschen will und unbeschwert durchs Leben geht.
  • Der Kumpel, der tollpatschig durchs Leben stolpert und immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hat.
  • Die Antagonistin, die hübsch und machthungrig, so ziemlich alles bekommt, was sie will.

Doch offensichtlich hatte ich den Charakter meiner Charaktere nicht zu Papier bringen können. Sie waren in meinem Kopf gefangen und ich hatte es nicht geschafft, ihnen wahrhaftig Leben einzuhauchen. Also beschäftigte ich mich ein wenig mit Charakterdesign.

 

TIPP: Arbeitet die Persönlichkeit eurer Charaktere vernünftig aus, BEVOR ihr mit dem Schreiben beginnt.

 

Kopfkino

Um daran etwas zu ändern, bin ich noch einmal den gesamten Text durchgegangen, den ich bis dahin bereits geschrieben hatte. Sobald ich an einer Stelle angelangt war, in der ein Charakter etwas tat oder etwas sagte, schloss ich die Augen. Ich stellte mir vor, wie die Szene wohl aussehen und ablaufen würde, wenn sie tatsächlich passierte. Wie in einem Film spielten sich nun die Szenen vor mir ab und ich beobachtete jede Kleinigkeit ganz genau.

Wenn es sich um ein Gespräch handelte, stellte ich mir unter anderem folgende Fragen:
Wie drückt der Charakter sich aus? Welche Worte benutzt er? Wie bewegt er sich? Lächelt er? Ist er traurig? Oder zittert er vielleicht, weil er so unglaublich wütend ist? Was tut er mit seinen Händen?

In Situationen, in denen ein Charakter eine Entscheidung treffen und handeln muss, habe ich noch einmal ganz genau hinterfragt, ob diese Person mit diesem Charakter wirklich so reagieren würde. Spielt der gleichgültige und ichbezogene Nebencharakter wirklich den Helden, wenn es darum geht, eine fast fremde Frau vor einem bewaffneten Typen zu retten?

Alles, was ich in diesem Kopfkino sehen, erleben und fühlen konnte, habe ich danach versucht, zu Papier zu bringen. Wenn mein Buch veröffentlicht ist, könnt ihr euch ja selbst ein Bild davon machen, ob es mir auch wirklich gelungen ist ?.

 

TIPP: Stellt euch vor, die Szenen würden wir in einem Film vor euch ablaufen. Beobachtet eure Charaktere ganz genau. Was tun sie, wie verhalten sie sich, was sagen sie und wie sagen sie es.

 

Persönlichkeitstests

Eine weitere Hilfe für ein verbessertes Charakterdesign war ein Persönlichkeitstest, den ich im Internet gefunden habe. Er heißt 16 Personalities und unterscheidet sich insofern von vielen anderen solcher Test, als dass seine Auswertung extrem ausführlich ist (allerdings nur die englische Fassung der Auswertung).
Durchgeführt ist der Test recht schnell – in ca. 15 Minuten.

Versetzt euch für diese 15 Minuten in euren Charakter hinein – versucht zu diesem Charakter zu werden – und füllt den Fragebogen so aus, wie dieser Charakter ihn ausfüllen würde. Anhand eurer Antworten (bzw. der Antworten des Charakters), wird dieser nun einer von 16 Persönlichkeiten zugeordnet. Ich würde empfehlen, den Fragebogen auf Deutsch auszufüllen und für die Auswertung dann die Sprache auf Englisch umzuschalten, weil die englische Auswertung viel viel ausführlicher ist.

In der englischen Auswertung erhält man zunächst eine allgemeine Beschreibung zu der jeweiligen Persönlichkeit. Besonders interessant für uns als diejenigen, die Bücher schreiben wollen, sind dann die Informationen über die Stärken und Schwächen der jeweiligen Persönlichkeit und wie sie sich in romantischen Beziehungen verhalten würden, bzw. worauf sie wert legen.
Außerdem werden die Themen Freundschaft, Elternschaft, Karriere und Arbeitsgewohnheiten behandelt, die für unsere Zwecke schon weniger interessant sind, aber je nach Story natürlich auch wichtig sein könnten.
All diese Informationen geben euch Hinweise darauf, wie sich der Charakter in bestimmten Situationen verhalten würde.

 

TIPP: Füllt einen Persönlichkeitstest aus der Sicht eurer Charaktere aus und seht, was euch das Ergebnis über sie verrät.

 

Motivation

Ganz besonders wichtig zu wissen ist außerdem, welche Motivation eure Charaktere antreibt. Wieso tut der Protagonist, was die Geschichte von ihm verlangt. Der tapfere Held stellt sich immer nur dem Drachen, weil er die liebliche Prinzessin befreien will. Ohne Prinzessin hätte das oft schon ganz anders ausgesehen: „Ein Drache? Ich soll ihn töten? Ganz bestimmt nicht. Da kann sich schön ein anderer abfackeln lassen!“

Doch nicht nur der Protagonist benötigt eine Motivation. Auch alle anderen Charaktere brauchen ein Motiv, das erklärt, warum sie so handeln, wie sie handeln. Scharrt ihr also eine Gruppe von weiteren Charakteren um euren Protagonisten herum, die ihm allesamt helfen sollen, sein Ziel zu erreichen, dann sollte jeder Einzelne von ihnen einen guten Grund dafür haben. Und je bedeutender der Grund, umso besser.
Wenn ein Charakter kein Motiv hat, warum sollte er dann tun, was er tut. Frage dich immer: „Wieso?“

 

TIPP: Mache dir Gedanken über die Motivation deiner Charaktere.

 

Ich denke, ich habe mit diesen Tricks meinen Charakteren noch einiges an Leben einhauchen können. Auf jeden Fall kenne ich jeden Einzelnen von ihnen nun noch besser als zuvor.
Doch auch wenn ich der Meinung war, dass ich sie alle nun ziemlich gut kannte, bewiesen sie mir schon kurz darauf das genaue Gegenteil. Denn als sie schließlich zum Leben erwachten, erwachten mit ihnen auch ihr eigener Wille und ihr eigener Dickkopf.

Wie ich plötzlich vom Autor zum Leser wurde, erfahrt ihr in meinem nächsten Beitrag.

Blogpost Ende und bis bald! ✌

 

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4 comments

  1. Otterfly says:

    Ich kenne das Einheitsbrei-Problem. In meinem Kopf sind die Charaktere total individuell und ganz unterschiedlich, aber das auf´s Papier zu bringen, ist wieder eine ganz andere Sache. Inzwischen passiert es mir nur noch manchmal, dass die Charaktere wirklich gleich klingen, aber es ist ein Problem, dessen wir uns immer bewusst sein sollten.

    Den Myers-Briggs-Test benutze ich auch gerne, hauptsächlich um zu überprüfen, ob mein Bild von dem Charakter mit dem übereinstimmt, was der Test anhand der gegebenen Antworten ausspuckt.

    Mit den Motivationen habe ich von allen Punkten am meisten zu kämpfen. Ich muss immer wieder nachfragen, nachhaken, neue Motive entwickeln, die den Charakter in die richtige Richtung lenken. Aber dafür zahlt es sich anschließend richtig aus 😀

    • Jill Noll says:

      Es ist wirklich ein großes Problem und ich hoffe, dass sich das von Buch zu Buch mit immer mehr Übung bessern wird.

      Neulich in meinem Kurs für kreatives Schreiben, habe ich eine Methode kennen gelernt, die auch sehr hilfreich sein kann, um die Motivation eines Charakters zu finden, bzw zu entwickeln. Sie heißt „Clustering“ und ist so etwas wie strukturiertes Braistorming. Hier mal ein Link dazu http://www.methodenwerft.de/methoden/clustering/. Kannst ja mal reinschauen 🙂

      Zu der Methode werde ich auch noch einen Beitrag verfassen, weil sie beim Schreiben für sehr vieles nützlich sein kann.

      Liebe Grüße
      Jill

  2. Martin says:

    Ich finde aber die Ehrlichkeit deiner Freundin auch toll. Andere hätten alles abgenickt ohne wirklich zu reflektieren…

    Ich denke das man oft eine Person genau im Kopf hat, sie quasi sieht da selber erschaffen, aber dann doch nicht so ausgeformt, dass siech das gedachte Bild beim Leser wiederspiegelt!

    Dafür gefallen mir deine Protagonisten nun umso besser 🙂

    Liebe Grüße,
    Martin

    • Jill Noll says:

      Hi Martin 🙂

      Danke, mir gefallen sie jetzt auch viel besser, als vorher 😉

      Es ist manchmal wirklich schwer, zu Papier zu bringen, was man vor sich sieht oder sagen will. Charaktere sind eine ganz besondere Herausforderung, aber auch alles andere liest sich auf Papier oft ganz anders, als man es eigentlich wollte. Aber zum Glück ist ja alles, was man einmal aufgeschrieben hat, noch änderbar.

      Da man aber sowieso zunächst eine schnelle und „schlechte“ Rohfassung schreiben sollte, kann man sich beim Überarbeiten noch einmal ordentlich Gedanken zu allem machen, was einem in der ersten Version nicht so richtig zusagt 🙂

      Liebe Grüße
      Jill

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